Read Kulturkontrastive Grammatik – Konzepte und Methoden (Im Medium fremder Sprachen und Kulturen) by Lutz Götze Online

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W hrend kontrastive Grammatiken seit langer Zeit existieren, sind berlegungen zu kulturkontrastiven Grammatiken neu Grundlagen liefern sowohl Ideen Wilhelm von Humboldts zu unterschiedlichen Weltansichten und Gedanken Ernst Cassirers zur Symbolkraft der Sprache einerseits wie andererseits in Auseinandersetzung mit dem sprachlichen Determinismus die Kognitive Anthropologie und Ethnosemantik, deren Vertreter vor allem Dell Hymes und Erving Goffman sind Eine kulturkontrastive Grammatik in unserem Sinne vergleicht die deutsche Sprache mit europ ischen, afrikanischen und asiatischen Sprachen nicht nur linguistisch, sondern vor dem Hintergrund kultureller Normen und Traditionen, die die sprachlichen Ausdrucksmittel pr gen und unterschiedliche Weltansichten bedingen....

Title : Kulturkontrastive Grammatik – Konzepte und Methoden (Im Medium fremder Sprachen und Kulturen)
Author :
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ISBN : 3631596618
ISBN13 : 978-3631596616
Format Type : Hardback
Language : Deutsch
Publisher : Peter Lang GmbH, Internationaler Verlag der Wissenschaften Auflage 1 8 Januar 2010
Number of Pages : 574 Pages
File Size : 980 KB
Status : Available For Download
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Kulturkontrastive Grammatik – Konzepte und Methoden (Im Medium fremder Sprachen und Kulturen) Reviews

  • Johannes Heinrichs
    2018-11-06 16:56

    Diese "Kulturkonstrastive Grammatik" betritt Neuland, angefangen von der Benennung: Bisher gab es "kontrastive Grammatiken", also Sprachvergleiche überhaupt und solche im Hinblick auf die grammatischen Formen insbesondere. Eine betont Kulturkontrastive Grammatik "vergleicht die deutsche Sprache mit europäischen, afrikanischen und asiatischen Sprachen nicht lediglich linguistisch, sondern vor dem Hintergrund kultureller Wurzeln und Traditionen, Entwicklungen und Normen, die die sprachlichen Ausdrucksmittel prägen und unterschiedliche Weltansichten bedingen" (VII). Weltansichten, dieses Stichwort kommt von Wilhelm von Humboldt her, der die Verschiedenheit der Sprachen als Folge wie Ursache verschiedener Weltansichten charakterisierte. Sprachvergleich sei für Humboldt das entscheidende Mittel, die Denkwelten, das Alltagsverhalten wie z.B. Höflichkeits- und Trauerbezeugungen anderer Kulturgemeinschaften zu erforschen, aber auch so fundamentale Gegebenheiten wie die Orientierung in Raum und Zeit. Ein nicht-lineares Zeitverständnis führt z.B. zu einem grundlegend anderen Tempussystem. Wer nicht auf diese tiefenkulturellen Hintergründe eingeht, betreibt den Sprachenvergleich zu oberflächlich, und damit auch die vergleichende Sprachendidaktik. (Der erste Herausgeber, Lutz Götze, war bis vor kurzen Professor für Deutsch als Fremdsprache. Die anderen Beiträger kommen hauptsächlich aus seiner Schule.) Ein solcher, kulturell vertiefender Sprachenvergleich stellt ein überaus anspruchsvolles Unternehmen dar. Schon die bereits angeklungene Frage "Was ist Folge kultureller Weltansichten vorsprachlicher Art für die Sprache, was ist Auswirkung der Sprache auf die Weltansichten?" hat es in sich. Selten lässt sich die ursächliche Richtung wohl eindeutig bestimmen. Es genügt und ist schon sehr viel, überhaupt und überall die Wechselwirkung von Sprache und Weltansicht zu thematisieren - und das gelingt in den 14 Beiträgen, die auf das starke Vorwort L. Götzes folgen. In diesem werden Eigenart und geistesgeschichtlicher Standort einer Kulturkonstrastiven Grammatik vorzüglich erhellt. Außer W. v. Humboldt werden Ernst Cassirer und Karl Bühler als Paten namhaft gemacht.Eine Distanzierung wird gegenüber dem heute noch immer an vielen Grammatik-Lehrstühlen dominierenden Noam Chomsky vorgenommen. Chomsky hat Humboldts Gedanken von der Sprache als Energeia (statt eines fertigen Ergeon) aufgegriffen und zur Grundlage seiner Universalgrammatik gemacht: "eine allen Einzelsprachen zugrunde liegende Struktur von angeborenen Ideen (innate ideas), die mit Hilfe von Transformationsregeln an die Oberflächenstruktur jeder Einzelsprache zu befördern und in einer Grammatik zu beschreiben seien. Freilich beinhaltet Chomskys Verweis auf Humboldt einen kategorialen Fehler: Humboldt hat nie von einer Universalgrammatik, sondern stets nur von der Grammatik von Einzelsprachen gesprochen, die es zu beschreiben gelte" (IX). Hierin bin ich zunächst anderer Meinung als der hoch geschätzte Verfasser dieses Vorworts. Nicht die Idee einer Universalgrammatik scheint mir nämlich verfehlt, sondern die Art der Durchführung durch ein dichotomisches, zweiwertiges Entweder-Oder-Verfahren bei Chomsky. Ich habe eine Alternative zu diesem Verfahren in "Sprache, Bd. 4 Die Satzbauformel" vorgelegt - und mich dabei ebenfalls auf Humboldt berufen, z.B. auf Sätze wie diese: "Die Sprache liegt mithin in jedem Menschen in ihrem ganzen Umfange (...) Die modifizierende Kraft ist, wie jede, eine individuelle, aber nach allen den Gattungsbegriffen individualisiert, vermöge welcher jede Gattung als Individuum genommen werden kann. Sie ist mithin die allgemeine Sprachkraft..." (Über die Verschiedenheiten des menschlichen Sprachbaues, 1827-29, Z. 56).- Humboldt betont mit Nachdruck die "Einheit der menschlichen Natur", gerade seiner Sprachnatur, "in der Verschiedenheit der Individuen" (ebd., Z. 59). "So lassen sich gerade die Fragen, welche die Bildung der Sprache in ihrem innersten Leben betreffen, und woraus zugleich ihre wichtigsten Verschiedenheiten entspringen, gar nicht gründlich beantworten, wenn man nicht bis zu diesem Standpunkte hinaufsteigt" (Über die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaues und ihren Einfluss auf die geistige Entwicklung des Menschengeschlechts, 1830-1835, Z. 2). Mir scheint dieser Standpunkt derjenige zu sein, von dem her sowohl die universale Einheit wie die Verschiedenheit der Sprachen sichtbar werden. Also auch in puncto Universalgrammatik und spezifische einzelsprachliche Grammatik (samt dabei vorausgesetzter Semantik)gilt kein Entweder-Oder, sondern ein viel geistreicheres Sowohl-als auch. Durch universalgrammatische Sinn-Strukturen der Sprache als eines menschheitsweit einheitlichen Reflexionssystems würde zugleich eine neutrale Vergleichbasis (tertium comparationis) für die Kulturkonstrative Grammatik geliefert. Hierin liegt eine wichtige quaestio dispuntanda mit Götze und seinen neun Mitautoren, die jedoch der Qualität und Originalität der Beiträge keinen Abbruch tut. Ich bin nach einigen Andeutungen sogar sehr zuversichtlich, mit dem "Schulhaupt" Lutz Götze hierin eine gemeinsame Linie finden zu können. In jedem Fall: großen Respekt und viel Glück für dieses riesige, sicher noch künftige Generationen beschäftigende Unternehmen auf den Spuren Humboldts, Cassirers, Bühlers - und besonders deshalb, weil über diese richtungweisenden Spuren weit, weit hinaus gegangen werden muss! Die Sprachen als Produkte wie Wirkkräfte ihrer unterschiedlichen Kulturen zu erkennen, dies hat gerade in Zeiten einer alle Kulturunterschiede (auch in Europa) zu nivellieren drohenden Globalisierung eine enorme kultur- und sprachpolitische Bedeutung.